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Ein Gesundheitssystem für alle braucht strukturelle Veränderung: Nachbericht 9.FrauenGesundheitsDialog

    Am 08.06.2026 war FmB beim 9. FrauenGesundheitsDialog in der Wiener Urania vertreten. Wir berichten euch von den drei spannenden Fach-Vorträgen, der Podiumsdiskussion sowie zwei Themenforen rund um das Thema „Geschlechtergerechte Gesundheitsversorgung: Who cares – when it’s women?!“.

    Vorträge

    Zu Beginn verkündete Bundesministerin Korinna Schumann, dass bis Ende 2026 eine neue Frauengesundheitsstrategie entwickelt werden soll. Mit Blick auf Frauen* mit Behinderungen betonte sie die Notwendigkeit der Einbindung von Frauen* mit Behinderungen in die Gesundheitsstrategie, um hier die Versorgung zu verbessern.

    Der erste Vortrag von Lea Putz-Erath (Geschäftsführerin femail) thematisierte das Pilot- und Forschungsprojekt INVVO (Informiert Verhüten in Vorarlberg), welches noch bis Ende 2026 läuft. In dem Projekt erhielten Frauen* Verhütungsberatungen sowie Zugang zu kostenfeien Verhütungsmitteln. Verhütungsmittel sind direkt gesundheitsrelevant und essenzieller Bestandteil einer gerechteren Gesundheitsversorgung.

    Lucia Mair (Ärztin und Medizinathropologin, Forscherin an der Medizinischen Universität Wien) berichtete anschließend von aktuellen Diskussionen zu Geschlecht und Ungleichheiten im Gesundheitssystem. Wichtige Stichworte aus ihrem Vortrag sind der Gender-Health-Gap sowie Medical Gaslighting. Fast alle Frauen* mit Behinderungen erleben Medical Gaslighting – um dies endlich sichtbarer zu machen, gibt es beispielsweise eine Kampagne von femmed* (Feministische Medizin e.V.). Im Zusammenhang mit Medical Gaslighting stellt sich auch die Frage danach, wessen Wissen im Gesundheitswesen zählt – das der Patient*innen oder das der Ärzt*innen? Wessen Wahrnehmung wird geglaubt?

    Im dritten Vortrag berichtete Lorena Dini (Charité Universitätsmedizin Berlin) über evidenzbasierte Ansätze für gesundheitsorientierte Frauenversorgungspfade im Lebensverlauf. Es ging z.B. um folgende Fragen: Wer gewährleistet die ambulante Versorgung für alle in allen Regionen, auch ländlich? Wie kommt es zu einer angemessenen Versorgung von Frauen*, die über 50 sind? Sie berichtete von einem ambulanten Versorgungsdefizit; beispielsweise fehlt Hausärzt*innen gynäkologische Kompetenz, es mangelt an direkten Nachfragen, es besteht oft kein gutes Vertrauens-Verhältnis. Ein verbessertes Modell der Frauengesundheit muss eine wohnortnahe Grundversorgung stärken, welches sich an die verschiedenen Lebensphasen von Frauen* orientiert.

    Interaktive Podiumsdiskussion

    Anschließend fand eine interaktive Podiumsdiskussion statt. Zu Beginn sprachen Lisa Hütter (Wiener Gesundheitsverband), Sylvia Gaiswinkler (Gesundheit Österreich GmbH, kurz GÖG) und Lorena Dini. Deutlich wurde der Wunsch nach mehr Interdisziplinarität in allen Gesundheitsberufen sowie der Bedarf an spezialisierten Frauenherzkliniken (siehe dazu z.B. die Awareness-Campagne Go Red).

    Magda Leitner (FmB Projektmanagerin) machte im Rahmen der Diskussion auf die Situation von Frauen* mit Behinderungen und den vorherrschenden Ableismus im Gesundheitssystem aufmerksam. Frauen* mit Behinderungen sind von all den angesprochenen Themen um ein Vielfaches stärker betroffen. Sie treffen im Gesundheitssystem ständig auf Barrieren, werden desexualisiert und psychologisiert. Genau darum ist es essenzell, dass Frauen* mit Behinderungen im neuen Strategieplan unbedingt von Anfang an mitgedacht werden müssen.

    Themenforen

    Im Themenforum 1 ging es vertieft um das Projekt INVVO – Informiert Verhüten in Vorarlberg und dessen Chancen und Grenzen. Es wurden psychosoziale Verhütungsberatungen sowie kostenfreie Verhütungsmittel angeboten. Eines der Ziele war, den tatsächlichen Bedarf zu erheben, um das Projekt für ganz Österreich ausweiten zu können. Die Diskussion beleuchtete das Problem, dass es meist Frauen* sind, die sich um das Thema Verhütung kümmern müssen.

    Im Themenforum 2 gaben eine Ärztin für Allgemeinmedizin und eine Diätologin authentische Einblicke in ihren Arbeitsalltag und wie sie versuchen, Frauengesundheit in der Primärversorgung zu verankern. Deutlich wurde dabei, dass ihr Handlungsspielraum durch Kassenleistungen stark limitiert wird. Es gebe nicht genug Zeit, um außerhalb der Vorsorgeuntersuchung längere Gespräche zu führen: „Wenn ich mir die Zeit nehme, mache ich das auf eigene Kosten“.

    Aus der Zusammenschau von Vorträgen, zwei Themenforen und einem Workshop wurde klar: Frauengesundheit darf sich nicht nur auf Zyklus und Schwangerschaft beschränken. Es werden Forderungen nach besseren Versorgungspfaden laut, die an die Lebensrealität von Frauen* angepasst sind. Und schlussendlich ist wichtig: Es darf nicht alles an der Eigeninitiative von motivierten Frauen* und einzelnen Personen im Gesundheitswesen abhängen, sondern es braucht einen systematischen Wandel für eine bessere, niederschwelligere, zugänglichere Gesundheitsversorgung von Frauen*.

    In der Wiener Urania schaut ein volles Publikum auf die Bühne. Auf der Bühne sizten 4 Frauen, eine davon ist Magda Leitner, die gerade ins Mikrofon spricht. Dahinter ist eine Powerpoint offen mit dem Titel der Veranstaltung: "Women's Health Matters: so, who cares?"
    Magda Leitner (FmB Projektmanagerin) bei der interaktiven Paneldiskussion im Rahmen des 9. FrauenGesundheitsDialogs. Foto: FmB/Chrisi
    Chrisi, Julia und Magda (alle von FmB) stehen zusammen und lächeln direkt in die Kamera. Sie sind im Dachsaal der Wiener Urania.
    Chrisi, Julia und Magda beim 9. FrauenGesundheitsDialog. Foto: FmB