„In einem besonders hohen Ausmaß erleben Frauen* mit Behinderungen Gewalt.“ Mit diesen Worten unterstrich der Österreichische Behindertenrat (ÖBR) bereits in der Ankündigung der Fachkonferenz die hohe Betroffenheit von Frauen* mit Behinderungen. Am 8. Oktober 2026 wurde im ÖGB Catamaran in Wien diskutiert, wie Gewalt verhindert, Selbstbestimmung gestärkt und der Zugang zu Schutz und Unterstützung verbessert werden kann.
Zum Auftakt richteten Sozialministerin Korinna Schumann und die Europaabgeordnete Katrin Langensiepen Videobotschaften an die Teilnehmer*innen. Schumann betonte: „Deshalb müssen wir dort handeln, wo der Schutz noch nicht ausreichend funktioniert, um allen Menschen in unserer Gesellschaft ein selbstbestimmtes und gewaltfreies Leben zu ermöglichen.“ Langensiepen hob die Bedeutung von Selbstbestimmung hervor: „Eine inklusive Gesellschaft schützt Menschen mit Behinderung nicht dadurch, dass andere für sie entscheiden.“
FmB – Interessensvertretung Frauen* mit Behinderungen war mit einem Infotisch vertreten und gestaltete das Fachprogramm aktiv mit. Julia Moser diskutierte am Podium zu „Gewaltprävention bis Opferschutz – Herausforderungen und Lösungen“. Heidemarie Egger gestaltete gemeinsam mit Elisabeth Udl von Ninlil die Session „Zugang zum Gewaltschutz für Frauen* mit Behinderungen“. Dabei wurde eine doppelte Lücke sichtbar: Frauen*beratungsstellen sind häufig nicht ausreichend barrierefrei und reproduzieren immer wieder Ableismus, während Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen oft zu wenig auf Gewalt gegen Frauen* vorbereitet sind.

Gewalt hat viele Gesichter
In ihrer Keynote zeigten Isabell Naronnig und Elisabeth Udl von Ninlil, dass Gewalt weit über körperliche Übergriffe hinausgeht. Neben körperlicher, psychischer und sexualisierter Gewalt zählen auch strukturelle Gewalt und Ableismus dazu. Bevormundung, eingeschränkte Selbstbestimmung und diskriminierende Strukturen können Gewalt begünstigen oder selbst eine Form von Gewalt sein. Sie brachten den Zusammenhang auf den Punkt: „Strukturelle Gewalt ist ein Nährboden für alle Formen von Gewalt.“ Gerade für Frauen* mit Behinderungen sind Selbstbestimmung, Empowerment und barrierefreie Unterstützung deshalb entscheidende Voraussetzungen für einen wirksamen Gewaltschutz.
Sexualisierte Gewalt trifft Frauen* mit Behinderungen besonders stark
Sabine Mandl vom Ludwig Boltzmann Institut für Grund- und Menschenrechte präsentierte Ergebnisse der österreichischen Prävalenzstudie von 2019. Sie verdeutlichen, warum eine geschlechterdifferenzierte Perspektive unverzichtbar ist: Bei der Frage nach körperlicher Gewalt berichteten 30,1 Prozent der Männer mit Behinderungen beziehungsweise psychischer Erkrankung, geschlagen oder verprügelt worden zu sein, gegenüber 24,4 Prozent der Frauen*. Bei der Frage nach erzwungenem Geschlechtsverkehr zeigte sich ein deutlicher Unterschied in die andere Richtung: 20 Prozent der Frauen* gegenüber 6 Prozent der Männer berichteten diese Erfahrung. Der Anteil bei Frauen* war damit mehr als dreimal so hoch.
Die Zahlen beziehen sich auf diese konkreten Erhebungsfragen und bilden nicht sämtliche Formen von Gewalt ab. Sie zeigen jedoch, wie wichtig es ist, Geschlecht und Behinderung gemeinsam zu berücksichtigen, damit spezifische Gewalterfahrungen von Frauen* mit Behinderungen nicht unsichtbar bleiben.
Zwischen fachlichem Austausch und politischer Verantwortung
Die Konferenz war gut besucht und bot Raum für wichtige Diskussionen und Vernetzung. Gleichzeitig fiel auf, dass politische Stakeholder*innen vor Ort weitgehend fehlten. Angesichts der hohen Gewaltbetroffenheit von Frauen* mit Behinderungen wirft das die Frage auf, welchen Stellenwert dieses Thema auf der politischen Agenda tatsächlich hat.
Die Beiträge machten deutlich, dass wirksamer Gewaltschutz barrierefreie Beratungs- und Schutzeinrichtungen, ausreichende Ressourcen und eine konsequente Stärkung der Selbstbestimmung voraussetzt. Frauen* mit Behinderungen müssen bei der Entwicklung von Schutzmaßnahmen mitentscheiden können. Ihre Erfahrungen und Bedürfnisse müssen in der praktischen Arbeit ebenso wie in politischen Entscheidungen berücksichtigt werden.
