Am 15. April 2026 fand das Mitgliedertreffen von FmB – Interessenvertretung Frauen* mit Behinderungen in Wien statt. Die Atmosphäre war von Beginn an offen und solidarisch. Besonders bereichernd war die Mischung aus neuen Teilnehmerinnen* und langjährigen Mitgliedern. Dies schaffte einen lebendigen Austausch zwischen neuen Perspektiven und viel Erfahrung. Es entstand schnell ein Raum, in dem sich alle einbringen konnten, und genau das wurde auch genutzt: Jede Frau* kam zu Wort.
Barrierefreiheit
Wir trafen uns in der barrierefreien Hauswirtschaft und wurden durch ÖGS-Dolmetscherinnen und Schriftdolmetschung unterstützt.
Aktuelle Projekte
Zu Beginn wurden aktuelle Projekte von FmB vorgestellt, darunter ein geplantes Vorhaben mit den ÖBB, das sich mit der Frage beschäftigt, wie inklusive Arbeitsbedingungen für Frauen* mit Behinderungen gestaltet werden können. Außerdem wurde das Projekt „Geld und Frauen* mit Behinderungen“ in Kooperation mit dem Ludwig Boltzmann Institut thematisiert, das sich mit der großen Bedeutung finanzieller Ressourcen und ökonomischer Selbstbestimmung auseinandersetzt – ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch viele Beiträge des Treffens zog.
Austausch zum Thema Geld
Im weiteren Verlauf entwickelte sich ein intensiver Austausch über zentrale Lebensrealitäten von Frauen* mit Behinderungen. Besonders deutlich wurde, wie grundlegend das Thema Geld ist: Es beeinflusst nahezu alle Lebensbereiche, gleichzeitig gibt es noch viel zu wenig wissenschaftliche Auseinandersetzung damit. Viele Frauen* berichteten davon, dass sie mehr finanzielle Mittel benötigen, um Barrieren auszugleichen, während sie gleichzeitig oft nicht in der Lage sind, Vollzeit zu arbeiten. In diesem Zusammenhang wurde auch betont, dass ökonomische Selbstbestimmung ein wichtiger Bestandteil von Gewaltschutz ist.
Gewalt und Gewaltschutz
Gewalt und Gewaltschutz waren ebenfalls wichtige Themen. Es wurde darauf hingewiesen, dass bestehende Maßnahmen häufig zu wenig intersektional gedacht sind. Es wurde die Bedeutung von Engagement in Arbeitsgruppen, etwa im Bereich Gewaltschutz, hervorgehoben. Fragen von Körperlichkeit, Sexualität und sexueller Selbstbestimmung nahmen ebenfalls Raum ein, wobei deutlich wurde, dass Frauen* mit Behinderungen auch innerhalb feministischer Räume oft zu wenig berücksichtigt werden.
Erfahrungen im Gesundheitsbereich
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf Erfahrungen im Gesundheitsbereich, insbesondere im Zusammenhang mit Reha und dem Phänomen des „Medical Gaslighting“. „Medical Gaslighting“ bezeichnet, wenn medizinisches Fachpersonal Beschwerden von Patient*innen, vor allem von Frauen*, herunterspielt, anzweifelt und/oder nicht ernst nimmt und Betroffene dadurch das Gefühl bekommen, ihre eigenen Wahrnehmungen seien falsch. Hier wurde der Bedarf an niedrigschwelligen Austauschmöglichkeiten und solidarischer Unterstützung besonders deutlich.
Wohnsituation für Frauen* mit Behinderungen
Auch das Thema Wohnen wurde intensiv diskutiert. Viele Frauen* schilderten die Herausforderungen, selbstbestimmt zu wohnen – sei es allein, in der Familie oder in alternativen Wohnformen. Fehlende Unterstützung führt oft zu Rückzug, manchmal auch zurück ins Elternhaus, und verstärkt damit soziale Isolation. Gleichzeitig wurde der Wunsch nach gemeinschaftlichen Wohnformen und gegenseitiger Unterstützung geäußert, ebenso wie die Problematik fehlender Alternativen zwischen eigenem Wohnraum und institutionellen Einrichtungen. In Verbindung damit steht das Thema Einsamkeit. Viele Teilnehmerinnen* beschrieben, dass ihre Energie im Alltag stark beansprucht wird und wenig Raum für soziale Kontakte bleibt. Daraus entstand die Idee, niederschwellige Freizeitgruppen zu schaffen, in denen Begegnung ohne Leistungsdruck möglich ist.
Vernetzung für Veränderungen
Im Austausch wurde der große Bedarf an Vernetzung, Selbstvertretung und strukturellen Veränderungen deutlich. Frauen* mit Behinderungen sollen sichtbar sein, selbst sprechen und ihre Interessen vertreten. Die Arbeitsgruppen wurden positiv hervorgehoben, gleichzeitig besteht der Wunsch nach mehr Beteiligung und Vernetzung. Auch Peer-Unterstützung – gegenseitige Stärkung auf Augenhöhe – wurde als wichtig betont.
Zudem wurde Intersektionalität, also das Zusammenwirken verschiedener Diskriminierungsformen, als zentrale Perspektive hervorgehoben. Gleichzeitig braucht es gezieltere Zugänge, da sich manche Gruppen, etwa Frauen* mit Lernschwierigkeiten, noch nicht ausreichend angesprochen fühlen. Auch interne Dynamiken wie Ableismus wurden reflektiert.
Wut als wichtige Ressource
Zudem wurde das Thema Wut im Treffen ausdrücklich angesprochen. Die Wut von Frauen* mit Behinderungen wurde dabei als nachvollziehbare Reaktion auf wiederholte Ausgrenzung, Barrieren und das Gefühl, nicht gehört oder ernst genommen zu werden beschrieben. Sie entsteht aus Erfahrungen von Diskriminierung im Alltag, struktureller Benachteiligung und dem hohen Kraftaufwand, sich in einer nicht inklusiven Gesellschaft zu behaupten. Gleichzeitig wurde thematisiert, dass diese Wut oft delegitimiert oder unsichtbar gemacht wird – etwa durch abwertende Zuschreibungen. Dabei ist Wut auch eine wichtige Ressource: Sie macht Ungerechtigkeiten sichtbar, verbindet Betroffene und kann ein Motor für Selbstvertretung und Veränderung sein, wenn sie Raum bekommt und ernst genommen wird. In diesem Zusammenhang wurde eine klare Botschaft formuliert: Wut darf da sein – und sie darf gezeigt werden.
Fazit
Das Fazit des Abends ist klar: Es braucht mehr Sichtbarkeit, mehr Austausch und mehr gemeinsames Auftreten. Denn gemeinsam können Frauen* mit Behinderungen ihre Anliegen stärker hörbar machen und langfristig Veränderungen anstoßen.